Ev.-luth. Kirche St. Johannis-Pauli Niedersachswerfen | Neubau

Der Neubau

  1. Grundsteinlegung
  2. Baubeschreibung
  3. Einweihung

| 1. | Grundsteinlegung

In der Kirchenchronik von Niedersachswerfen hat Konsistorialrat und Superintendent Otto Gerlach für das Jahr 1868 festgehalten:

»Am 19. März geschah der erste Spatenstich zu der neuen Kirche, unter Gesang und Gebet, wozu Arbeitsleute und Schuljugend versammelt waren. Am 4. April wurde die feierliche Grundsteinlegung vorgenommen. Es wurde hiezu ein großer Stein aus der alten Kirche gewählt und in der nordwestlichen Ecke des Thurmes eingesenkt.«

| 2 | Baubeschreibung

  • Architekt: Baurat Conrad Wilhelm Hase (1818–1902), Hannover
  • Baustil: neugotisch (Hannoversche Schule) auf Grundlage des Eisenacher Regulativs
  • Bauleitung:
    • 1868 - Ludwig Wege
    • 1869 - Friedrich Lahmeyer
  • Baumaterial:
    • außen - Kalkstein und Nüxeier Dolomit | Schieferdach
    • innen - Backstein und Kelbraer Rotsandstein

Die Kirche in Niedersachswerfen ist eine dreischiffige Hallenkirche mit einschiffigem Querhaus. Der Grundriß basiert auf einer Konstellation von 6 großen und acht kleinen Quadraten (Viertelquadraten). Daran angefügt sind die Polygone der beiden Turmtreppenhäuser und des Chores (Abb. 1).

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Abb. 1: Schema des auf Quadraten und Viertelquadraten basierenden Grundrisses

Das Langhaus besitzt zwei queroblonge Mittelschiffjoche westlich der quadratischen Vierung. Die Seitenschiffe sind, wie das Mittelschiff, um ein Joch östlich des Querhauses fortgesetzt. Der einschiffige Chorraum besteht aus einem queroblongen Joch, dem eine 3/6 Apsis angefügt ist. Die Langhaus- und Vierungspfeiler sind als Backstein-Rundpfeiler mit Natursteinkapitellen in der Form gekehlter Trommeln ausgebildet. Die Kirche ist mit einem Kreuzrippengewölbe versehen, dessen reich profilierte Gurtbögen und Rippen aus Backstein-Formsteinen gemauert sind. Eine aus Backstein gemauerte Empore läuft um den westlichen Teil des zentral wirkenden Kirchenraumes herum, das heißt aus den Querhäusern in die Seitenschiffe geführt und durch eine mittlere Orgelempore im Westjoch des Mittelschiffes untereinander verbunden. Seitenschiff- und Querhausemporen sind untereinander durch schräg verlaufende Emporenstücke verbunden. Diese konstruktiv neuartige, zentralräumlich wirksame Abknickung der gemauerten Emporen wurde in zahlreichen norddeutschen Kirchneubauten nachgeahmt (1). Der Baukörper wird durch einen im Grundriß quadratischen Mittelturm im Westen abgeschlossen, flankiert von zwei Turmtreppenhäusern zur Erschließung der Emporen. Ein schlanker, achteckiger Pyramidenhelm krönt den Turm.

1 Diese Emporenknickung taucht bei drei deutschen Architekten zur gleichen Zeit auf:

  • Zionskirche in Berlin, erbaut 1866–1873 | Architekt: August Orth
  • St. Johannis-Pauli Kirche in Niedersachswerfen, erbaut 1868–1869 | Architekt: Conrad Wilhelm Hase
  • St. Johannis- (Norder-) Kirche in Hamburg-Altona, erbaut 1868–1873 | Architekt: Johannes Otzen

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Abb. 2: Ansichten und Schnitte der Kirchenbänke in Niedersachswerfen

| 3. | Einweihung

Über die Einweihung der Kirche berichtet Pastor Gerlach in der Chronik ausführlich:

»Am III. Adventssonntage den 12. December 1869 konnte durch Gottes Hülfe die neu erbaute Kirche eingeweiht werden. Sn. Erlaucht der regierende Graf Alfred zu Stolberg-Stolberg und dessen durchlauchtigste Gemahlin beehrten uns mit ihrer hohen Gegenwart, richteten auch die Festtafel in der Pfarre aus, zu welcher einheimische und auswärtige Gäste geladen wurden. Vier Geistliche der Grafschaft waren erschienen. Der Festzug bewegte sich von der Pfarre nach der Schule, in welcher als dem Interimsgotteshause Abschied genommen wurde, indem die Kirchenvorsteher und Geistlichen die heiligen Gefäße nach dem neuen Gotteshause trugen. Vor der Kirchenthüre fand in üblicher Weise die Übergabe des Schlüssels und die Eröffnung im Namen der heiligen Dreieinigkeit statt. Die Kirche füllte sich alsbald mit 800 bis 1000 Menschen; denn es waren an dem schönen Wintertage viele Fremde gekommen. Nach dem Gesange 207, Vers 1 'O heiliger Geist kehr bei uns ein' fand die Weihe durch den Gräflichen Consistorialrath unter Assistenz der Pastoren Eilers zu Sülzhayn und Thelemann zu Appenrode statt. Darauf folgte der Gesang No. 10: 'Allein Gott in der Höh' sei Ehr' und hierauf zum erstenmal die kirchenordnungsmäßige Liturgie, welche von den Schulkindern und dem Gesangsverein unter Leitung des Cantors Schenkel feierlich vierstimmig gesungen wurde. Die Festpredigt hielt der vorgenannte Gerlach als Ortsgeistlicher über 2. B. Mose XX, 24: 'denn an welchen Ort ich meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will ich zu dir kommen und dich segnen.' Darauf nahm er durch die Hand seines Beichtvaters, des Pastors Thelemann, das heilige Abendmahl. Der ganze Bau ist wohl gelungen. Durch Gottes gnädigen Schutz ist kein Unglücksfall eingetreten. Der Mauermeister Köhler zu Neustadt hat das Mauerwerk gut aufführen lassen. Das Dach der Kirche und des Thurmes ist durch Zimmermeister Kaps, die Tischlerarbeit durch Meister Grüning, die Schlosserarbeit durch Meister Stadelmann, sämtlich in Niedersachswerfen, ausgeführt. Den Prospekt zur Orgel hat Meister Kelle in Nordhausen gefertigt. Der Altarschrein, dessen unterer Theil aus der alten Kirche genommen, ist nach Zeichnung des Baurath Hase (1) in Hannover restauriert (2) und mit dem Gekreuzigten und dessen alttestamentlichen Typen ausgestaltet. Den Taufstein von poliertem Marmor hat eine ungenannt sein wollende liebe Geberin in Ilfeld geschenkt (3). Das alte Bild von der Grablegung des Herrn hat Maler Schrader in Nordhausen wiederhergestellt. Den Kronleuchter und zwei schöne Altarleuchter hat die regierende Gräfliche Herrschaft geschenkt.«

1 Aus dem Abnahmebericht vom 9. Januar 1870 an den Kirchenvorstand geht hervor, daß Conrad Wilhelm Hase am 12. und 13. Dezember 1869 persönlich das Bauwerk untersuchte und abnahm. Hase war also – obwohl im Chronik-Bericht nicht erwähnt – bei den Einweihungsfeierlichkeiten zugegen.

2 durch Carl Dopmeyer

3 Wilhelmine Preu

Quellen:

  • Fritsch, Karl Emil Otto (Hrsg.): Der Kirchenbau des Protestantismus von der Reformation bis zur Gegenwart. Berlin 1893, S. 273–274
  • Kokkelink, Günther: Die Neugotik Conrad Wilhelm Hases, eine Spielform des Historismus,
    in: Hannoversche Geschichtsblätter. N. F. 22. Hannover 1968, S. 53
  • Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege Hannover | Plansammlung – Nr. 024.01, Blatt 20473:
    Altar für die Kirche zu Niedersachswerfen
  • Pfarrarchiv Niedersachswerfen | Nr. 110c: Kirchen- und Zinsbuch
  • Stadtarchiv Hannover | Nachlaß Hase, Nr. 474–475
    • Nr. 474: Werkzeichnung für Emporen und Pfeiler mit Backsteindetails (Blatt 4)
    • Nr. 475: Werkzeichnung für die Fenster und das Portal (Blatt 3)
  • Mitteilungen von Prof. Dr.-Ing. G. Kokkelink, Hannover

Bildnachweis:

  • Abb. 1: Zeichnung von Reinhard Glaß, Sülzhayn
  • Abb. 2: Kirchenbänke in A: Astfeld, B: Niedersachswerfen, C: Ilfeld,
    in: Schönermark, Gustav und Bauhütte zum weißen Blatt (Hrsg.): Die Architektur der Hannoverschen Schule : Moderne Werke der Baukunst und des Kunstgewerbes im mittelalterlichen Stil. 6. Jahrgang. Hannover 1894
    Tafel 29 und 30 | Blatt 1 und 2: Ansichten und Schnitte.

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